26.11.2020 | City Kino Wedding | 19 Uhr

TOXISCHE MÄNNLICHKEIT


Zum Film „Kids Run“


Die Geschichte dieses Films liest sich auf den ersten Blick vielleicht ein wenig zu bekannt: Ein vom Leben gebeutelter und verschuldeter Ex-Boxer möchte sich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Schuldenberg herausboxen und mit seinem Comeback auch die noch immer geliebte Ex zurückerobern. Auf den zweiten Blick wird es dann aber schon etwas komplexer, denn Andi (Jannis Niewöhner) kämpft auch um das Sorgerecht für seine drei Kinder. Nur ob die Fäuste dafür wirklich das richtige Werkzeug sind?

Regisseurin Barbara Ott geht es nicht um die Überhöhung eines tragischen Helden und seiner genuin männlichen Eigenschaften, wie wir das aus dem klassischen Boxer-Drama kennen, sondern um die  Analyse all jener Umstände, die ihn überhaupt erst in seine tragische Lage gebracht haben. Andi ist kein liebenswerter Verlierer, dem wir seine Entgleisungen gerne verzeihen und dessen Aufstieg zum glorreichen Gewinner uns schließlich zu Tränen rührt. Andi ist einfach nur ein Mann, einer von vielen, an dem die schädlichen Folgen einer sexistischen Gesellschaft deutlich zu Tage treten. Und so besticht Otts Filmheld gerade durch seine Fehlbarkeit, die niemals unserer Sympathie für diesen Menschen im Weg steht. Wir können Andis Handeln nachvollziehen, ohne es zu entschuldigen. 

Der Regisseurin gelingt damit nicht nur ein kraftvoller Spielfilm, sondern auch ein im Kontext des deutschen Kinos überfälliges Männerportrait. Es sind Figuren wie Andi, die wir brauchen, um ein Männlichkeitsbild zu überwinden, das Individuen in ihrer Entfaltung und unsere Gesellschaft auf ihrem Weg zu Gleichberechtigung und Gerechtigkeit behindert.

Trailer zum Film:



 Filmkritik auf filmloewin.de

Im Anschluss diskutieren die Autor:innen und Aktivist:innen Nils Pickert, Bilke Schnibbe und Linus Giese das Konzept „toxische Männlichkeit“. Was heißt überhaupt „Mann“? Wer oder was soll das sein und wer denkt sich sowas aus? Welche Bilder von Männlichkeit vermitteln unsere Medien und was (ver)lernen wir daraus? Es moderiert wie immer FILMLÖWIN-Gründerin Sophie Charlotte Rieger.

TICKETS GIBT’S IM CITY KINO WEDDING

++++ Die Veranstaltung findet unter Einhaltung der geltenden Abstands- und Hygieneregeln des Land Berlin zur Corona-Eindämmung statt. Außerdem ist die Teilnahme am Event auch online möglich: Die anschließende Diskussion übertragen wir live auf unserem YouTube-Kanal. Außerdem findet ihr später eine Audio-Version im Feed unseres Podcasts “Filmlöwinnen - Alles außer Cat-Content”. +++


GÄST:INNEN




 Foto: Annette Etges

Linus Giese, geboren 1896, ist Autor und Buchhändler. Sein erstes Buch erscheint unter dem Titel „Ich bin Linus“ im Rowohlt Verlag, er erzählt darin von seinem Leben als trans Mann.



Foto: privat

Nils Pickert ist freier Autor und Journalist. Mit dem Hamburger Verein Pinkstinks engagiert er sich gegen Sexismus und Homofeindlichkeit. Im März 2020 erschien sein Sachbuch „Prinzessinnenjungs“ über die geschlechtergerechte Erziehung von Jungen. Mit seiner Lebenskomplizin und den vier gemeinsamen Kindern lebt er in Münster.



Foto: privat

Bilke Schnibbe ist Redakteurin bei analyse & kritik und FICKO – Magazin für gute Sachen. Und gegen schlechte. Bilke arbeitet außerdem als Psychologin und Therapeutin in Berlin. Als freie Journalistin schreibt und referiert Bilke vor allem zu den Themen sexualisierte/sexuelle Gewalt, Männlichkeit und Psychotherapie.